Gedanken aus der Praxis


Einleitung

Nicht jede Erkenntnis entsteht in einer Therapiesitzung.

Manche beginnt mit einem Satz.

Mit einer Frage.

Oder mit einem Gedanken, der uns noch eine Weile begleitet.

Auf dieser Seite teile ich Überlegungen, die meine psychotherapeutische Arbeit prägen. Sie ersetzen keine Psychotherapie. Vielleicht helfen sie jedoch dabei, das eigene Erleben aus einer neuen Perspektive zu betrachten.



GEDANKE 1

Symptome sind selten der eigentliche Gegner.

Wenn Menschen unter Angst, Erschöpfung, innerer Unruhe oder starken Selbstzweifeln leiden, wünschen sie sich verständlicherweise, dass diese Symptome möglichst rasch verschwinden.

Auch ich wünsche meinen Patientinnen und Patienten, dass ihr Leiden geringer wird.

Dennoch beginne ich selten mit der Frage:

„Wie bekommen wir das Symptom weg?“

Mich interessiert zunächst etwas anderes.

Weshalb ist dieses Symptom entstanden?

Aus psychodynamischer Sicht sind Symptome häufig keine zufälligen Störungen.

Sie sind Ausdruck eines inneren Geschehens.

Manchmal schützen sie.

Manchmal machen sie auf etwas aufmerksam.

Manchmal übernehmen sie eine Aufgabe, für die es lange keine anderen Möglichkeiten gab.

Deshalb verdienen Symptome zunächst Verständnis.

Nicht weil sie bleiben sollen.

Sondern weil wir erst dann etwas nachhaltig verändern können, wenn wir verstanden haben, welche Funktion sie bisher erfüllt haben.




GEDANKE 2

Sich selbst verstehen ist etwas anderes als sich selbst entschuldigen.

Manche Menschen haben Sorge, dass Verstehen bedeute, alles zu rechtfertigen.

Das Gegenteil ist meine Erfahrung.

Wer beginnt, die eigene Geschichte besser zu verstehen, übernimmt häufig mehr Verantwortung für sich selbst – nicht weniger.

Verstehen bedeutet nicht:

"Es war eben so."

Verstehen bedeutet:

"Jetzt erkenne ich, weshalb ich heute so reagiere."

Diese Erkenntnis eröffnet neue Möglichkeiten.

Nicht weil Vergangenes verschwindet.

Sondern weil Gegenwart bewusster gestaltet werden kann.




GEDANKE 3

Der Körper weiß manchmal früher Bescheid.

Nicht jedes Gefühl findet sofort Worte.

Manches zeigt sich zunächst im Körper.

Ein enger Brustkorb.

Ein flacher Atem.

Anspannung im Nacken.

Ein Kloß im Hals.

Oder das Gefühl, ständig in Alarmbereitschaft zu sein.

Unser Körper spricht seine eigene Sprache.

Nicht geheimnisvoll.

Nicht esoterisch.

Sondern als Teil unseres psychischen Erlebens.

Deshalb spielt das bewusste Wahrnehmen des Körpers in meiner therapeutischen Arbeit eine wichtige Rolle.

Nicht weil der Körper getrennt von der Psyche betrachtet wird.
Sondern weil beides zusammengehört.




GEDANKE 4

Veränderung beginnt selten mit Veränderung.

Viele Menschen kommen mit dem Wunsch in die Psychotherapie, sich zu verändern.

Das ist verständlich.

Interessanterweise beginnt nachhaltige Veränderung häufig nicht mit Aktion.

Sondern mit einem Moment des Innehaltens.

Mit einer ehrlichen Frage.

Mit einem neuen Blick auf sich selbst.

Mit dem Mut, etwas wahrzunehmen, das bisher keinen Platz hatte.

Erst daraus entsteht Entwicklung.

Nicht plötzlich.

Sondern Schritt für Schritt.



GEDANKE 5


Vielleicht müssen Sie gar nicht stärker werden.

Viele Menschen glauben, sie müssten belastbarer werden.

Mehr leisten.

Weniger fühlen.

Besser funktionieren.

Ich frage manchmal etwas anderes:

Was wäre, wenn Sie nicht stärker werden müssten – sondern freundlicher zu sich selbst?

Diese Frage verändert oft mehr als viele Ratschläge.

Denn Selbstmitgefühl bedeutet nicht, sich aufzugeben.

Es bedeutet, sich selbst mit derselben Menschlichkeit zu begegnen, die wir anderen selbstverständlich entgegenbringen.



GEDANKE 6

Entwicklung braucht Beziehung.

Wir entwickeln uns nicht allein.

Von Anfang an entstehen wir in Beziehungen.

Wir lernen Vertrauen.

Oder Misstrauen.

Nähe.

Oder Distanz.

Sicherheit.

Oder Unsicherheit.

Deshalb geschieht auch Entwicklung selten im Alleingang.

Psychotherapie ist für mich deshalb mehr als ein Gespräch.

Sie ist ein Ort, an dem neue Beziehungserfahrungen möglich werden.

Nicht spektakulär.

Nicht inszeniert.

Sondern im gemeinsamen Erleben.



Abschließender Gedanke

Ich glaube,

dass jeder Mensch den Wunsch in sich trägt,

verstanden zu werden.

Von anderen.

Vor allem aber von sich selbst.

Vielleicht beginnt genau dort der erste Schritt.

Nicht zu einem anderen Menschen.

Sondern zu sich selbst.

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